The Stealth One – Voigtländer Bessa R & Nokton ƒ/1.5

Ein weiteres Mal möchte ich eine wirklich schicke Kamera vorstellen, diesmal direkt in Kombination mit einer hervorragenden Festbrennweite. Die Rede ist von der Voigtländer Bessa R und dem Voigtländer Nokton 50mm ƒ/1.5 Aspherical.

Wissenswertes

Die erste Bessa R wurde von Cosina Japan im Jahr 2000 gefertigt. Bis auf den Namen “Voigtländer”, dessen Verwendung sich Cosina für die gesamte Bessa-Serie rechtlich sicherte, hat diese kleine Kamera nichts mehr mit der ursprünglichen Firma Voigtländer aus Deutschland zu tun. Schade natürlich – aber nur für die Hardliner. Denn Optik sowie Innereien entsprechen hohen qualitativen Standards, Cosina hat versucht, traditionelle Voigtländer-Werte in Sachen Haptik und Optik mit moderner Technik aus Fernost zu verbinden, glücklicherweise mit Erfolg.

Technisches

Die Bessa R ist eine klassische analoge Messucherkamera für 35mm Film. Klassisch? Naja, nicht ganz, ein paar Besonderheiten sind zu erwähnen. Im Gegensatz zu den kleinen Messuchern von Canon, Olympus, Rollei und Konsorten bietet die Bessa-Serie ein komplettes Kamerasystem mit Wechselobjektiven.

Die hier vorgestellte “Ur”-Bessa ist mit einem Leica M39 Gewindeanschluss ausgestattet, neuere Modelle haben das Leica M-Bajonett. So lassen sich also die meisten alten wie neuen Objektive mit ebendiesem M39-Gewinde verwenden, was natürlich schon einmal weit mehr Freiheiten bietet als eine Kamera mit fest verbautem Objektiv

Die Bessa R bietet ein günstigen, dafür aber sehr hochwertigen Einstieg in das Feld der Messucherfotografie mit Wechselobjektiven. Allzu viele Funktionen bietet die Kamera nicht, diese dafür aber in technisch präziser Perfektion. So lassen sich mechanisch gesteuerte Zeiten von 1/2000s bis 1s wählen, der ASA-Bereich erstreckt sich von ASA 25 bis ASA 3200. Blitzschuh, mechanischer Selbstauslöser, das war’s auch schon.

Die Bessa R ist mit einem TTL-Belichtungsmesser ausgestattet, also einer kleinen Messzelle im Gehäuseinneren, welche den Lichteinfall direkt durch das Objektiv misst und die Werte über einen Sensor an die Anzeige weitergibt, welche sich im Sucher befindet und für Unter-, Über- oder eben korrekte Belichtung jeweils eine rote Leuchtdiode aktiviert. Puristischer geht es fast nicht, ausser eben komplett ohne Belichtungsmessung.

Entfernungen werden, wie bei Messuchern üblich, über einen gekoppelten Mischbild-Entfernungsmesser gemessen. Im Sucherfenster wird also das klassische Doppelbild erzeugt. Selbiges Sucherfenster ist übrigens unglaublich groß und hell, und kann sich absolut mit den bislang ungeschlagenen Suchern der M-Leicas messen.

Zur Wahl des Bildausschnittes können Leuchtrahmen für die Brennweiten 35/90mm, 50mm oder 75mm eingeblendet werden, natürlich mit Parallaxenausgleich. Weitere Sucherformate können am Blitzschuh angesteckt werden.

Der Übersicht halber noch einmal die technischen Eigenschaften der Bessa R:

  • 35mm Messsucherkamera mit M39 Gewindeanschluss
  • Mischbild-Entfernungsmesser
  • TTL-Belichtungsmessung
  • Zeiten von 1/2000s bis 1s + Bulb
  • ASA 25-3200
  • Leuchtrahmen mit Parallaxenausgleich und Über- bzw. Unterbelichtungswarnanzeige
  • Großer, heller Sucher mit 0.70 Vergrößerung (Eine Leica M hat 0.72)
  • Zwei mechanische Schlitz-Verschlussvorhänge
  • Schluckt normale 1,5V Knopfzellen

Nein, kein Schreibfehler, die Bessa R hat wirklich zwei Verschlussvorhänge, die hintereinander parallel angeordnet sind. Getreu dem Motto “doppelt hält besser” hat Cosina hier für eine perfekte Lichtabschirmung gesorgt.

Alle Knöpfe und Hebel sind sehr übersichtlich angeordnet und orientieren sich am minimalistischen Gesamteindruck der Kamera. Überflüssigen Schnickschnack sucht man also vergebens, kein Vergleich zu einer modernen DSLR.

Schwierigkeiten

Richtige Probleme gibt es mit der Kamera eigentlich nicht. Allerdings kann sich das adaptieren einiger Objektive als nicht ganz einfach herausstellen. Alte, versenkbare Leitz Objektive können zum Beispiel beim Einschieben am Gehäuseinneren der Kamera reiben oder anstoßen. Ich habe das Versenken mit einem alten Elmar 50mm ƒ/3.5 versucht, hier hat’s funktioniert, wenn auch mit einem Spaltmaß von ca. 0,5mm. Wer sich nicht sicher ist, ob sich das gewünschte Objektiv versenken lässt, sollte sich das Ganze bei offenem Verschluss (auf “B” belichten) und offenem Rückdeckel von hinten ansehen und langsam einfahren.

Das Objektiv: Voigtländer Nokton 50mm ƒ/1.5

Das kompakte Nokton ist, genau wie das Kameragehäuse, komplett schwarz lackiert. Sowohl den Body, als auch die entsprechenden Objektive gibt es sowohl in Ausführungen mit Schwarzlack, als auch mit mattem Chrom-Look. Mir gefällt’s momentan in der Nacht-Optik besser.

Das Objektiv selbst fühlt sich ebenso wertig an wie die Kamera, was die fast 250g belegen, mit denen es daher kommt. 6 Linsen, darunter eine asphärische, sind in 5 Gruppen angeordnet. die Blende, gesteuert durch 10 Lamellen, lässt sich in Schritten von eben f/1.5 Offenblende bis rauf zu ƒ/16 regeln, die Naheinstellgrenze beträgt 90cm. Scharf bis in die Ecken bietet das Nokton die gewohnte, qualitativ hochwertige Verarbeitung aller Voigtländer Objektive zu einem recht erschwinglichen Preis (dazu später mehr).

An das Filtergewinde mit 52mm Durchmesser lässt sich eine kleine Streulichtblende aufschrauben, darauf kommt die Abdeckung. Natürlich alles in schwarz gehalten, so wie es sein soll :D. An die Kamera adaptiert verdeckt das Objektiv einen kleinen Teil des Suchers, was aber nach einigen verschossenen Filmen nicht weiter stört.

The Stealth One

Die Kamera ist aus hochwertigem Plastik gearbeitet, ohne sich jedoch “billig” anzufühlen. Das Objektiv ist komplett aus lackiertem Metall. Mittels entsprechendem Adapter können übrigens auch Leica M-Objektive adaptiert werden. Doch einmal abgesehen von den wirklich überragenden Summicrons und Konsorten, welche allerdings auch überragend teuer sind, ist das kleine Nokton durchaus eine traumhafte Optik für die Bessa R. Mit dieser Kombination unterwegs zu sein macht wirklich Spaß. Durch die komplett schwarze, unauffällige Optik bleibt man größtenteils ungesehen, was vor allem auf der Straße enorm vorteilhaft sein kann. Kein Vergleich also zur kürzlich hier präsentierten Yashica 35 GSN (siehe unten).

Fazit

Der Sucher ist heller, der Verschluss aber lauter als der einer M-Leica. Die Voigtländer Linsen sind freilich keine Konkurrenz zu original Leitz Objektiven, liefern dennoch ausgezeichnete Bilder. Eine Leica ist sie eben dann doch nicht, die kleine Bessa R. Dafür bietet sie wirklich viel für relativ wenig Geld. Für das Gehäuse habe ich in gutem Zustand 200€ hingelegt, etwas unter dem aktuellen Preis, zu welchem gute gebrauchte Modelle auf eBay unter den Hammer kommen. Wer auf Neuware besteht, ist gut und gerne 400€ los. Das Nokton konnte ich in perfektem Zustand mit Restgarantie für 300€ ergattern. Ein Schnäppchen, wenn ich den Neupreis von etwa 480€ bedenke.

Wer also den gehobenen Einstieg in die analoge Fotografie mit Messucherkameras sucht, wird mit dem Bessa-System ausgezeichnet bedient. Sollen es dennoch unbedingt M-Optiken sein, gibt es die neueren Bessa-Modelle, oder eben entsprechende Adapter, die es übrigens auch direkt von Voigtländer gibt.

Die Kamera mitsamt Nokton ist auffällig angenehm zu halten, der ideale Begleiter für unterwegs also. Das nachtschwarze Gespann werde ich hauptsächlich für Streetfotografie einsetzen, wofür es meines Erachtens auch gemacht wurde.

Bilder

Bilder folgen wie immer in Kürze, die ersten Scans sind schon gemacht.

Noch mehr lesen?

Darf’s etwas mehr Hippie sein? Yashica Electro 35 GSN

Die Bessa R auf cameraquest.com (englisch)

Die Bessa R bei Peter Lausch

Kommentare

[…] oder hat unnötig Spiel, alles fühlt sich schwer und wertig an. Und zwar richtig wertig. Die Bessa ist zwar auch wertig, doch kein Vergleich zur Leica. Die Leica hat richtig Gewicht, das Metall […]

[…] Gelegenheit habe ich mal wieder ein paar Filme verknipst. Es sollten übrigens die letzten mit der Bessa sein, welche mittlerweile einen neuen Besitzer gefunden hat. Das Nokton war wie immer […]

[…] The Stealth One / Bessa R mit Nokton 1,5 (dt.) — eine kommentierte Bildfolge zur “R”. […]

Roland sagt:

Hallo.
Sehr interessante Seite! Der Artikel war sehr hilfreich für mich! Ich bin gerade dabei mir eine Tessa T oder R zu kaufen und kann mich noch nicht ganz entscheiden.
Kann ich mit der T auch das Nokton 50mm nutzen?
Oder mit der R das Super Wide 15mm das es für die T gibt?

Gruß
Roland

Schreibe einen Kommentar