Lobt mich, liebt mich! Gedanken zu Flickr und Co.

“Awesome!”, “Tolles Bild!”, “Gefällt mir!”. Die Liste solcher, bis ins Letzte perfide ausformulierter Sympathiebekundungen lässt sich beliebig fortführen. Lang und länger wird demnach auch die Liste solcher Kommentare unter vielen “awesome!” Fotos. Flickr allen voran, noch zumindest, dazu 500px, deviantArt, Fototreff, und wie sie nicht alle heißen, bieten jedem Fotografen sowie jedem der sich dafür hält eine Plattform zur Selbstdarstellung.

Nicht dass ich grundsätzlich etwas gegen solche Communities habe, im Gegenteil: Nie war es einfacher, die eigenen Werke elegant und komfortabel zu präsentieren und zu publizieren. Internetanschluss und Handyfoto reichen schon für den Anfang. Hier und da ein paar Klicks, schon reisen die eigenen Bilder rund um die Welt. Voller Erwartung sitzt man dann vor dem Rechner, alle paar Minuten wird die Seite refreshed. Wird mein Bild gemocht? Wann kommen endlich die Kommentare? Ah, da ist ja endlich einer: “Tolles Bild!” – ich hab’s gewusst, meine Bilder sind halt einfach klasse! So oder so ähnlich geht es wohl jedem normalen Nutzer.
Regelmäßig werden ein paar Bilder hinterher geschoben um immer mehr Kommentare (hoffentlich nur “awesome”!) zu erhalten.
Genau hier liegt meiner Meinung nach allerdings der Knackpunkt. Dieses an sich positive Verlangen des sich-Austauschens driftet nur allzu leicht ab in etwas anderes, egoistischeres: Begierde. Begierde nach Akzeptanz, Selbstbestätigung und wohlklingenden Worten. “Schau mal, da hat einer mein Bild getadelt” – “Trottel, der hat wahrscheinlich keine Ahnung”. Schlechte, das seien in diesem Fall mal generell kritisierende Kommentare, werden müde belächelt und weggescrollt.
Eigentlich nur verständlich, jeder badet sich wohl lieber in positiver Resonanz als sich über vermeintlich ungewolltes Feedback zu ärgern. Behaupte ich jetzt mal so. Woher ich das weiß? Weil ich es natürlich selbst mache, beziehungsweise gemacht habe. Diesen Wandel der Kommentarkultur macht im Laufe ihrer Halbwertszeit so ziemlich jede Fotocommunity durch, das relativ neue 500px wird da wohl keine Ausnahme sein. Zu verlockend ist einfach die Simplizität dieses Mechanismus. Der “awesome!”-Schreiber ist vielerorts präsent und macht somit ein wenig Werbung für sich selbst, der Adressierte freut sich über soviel unerhoffte Zuneigung. Selten, sehr selten liest man mehr als zwei Zeilen zu einem Bild.

 

 

Echte Kritik ist Mangelware geworden im Dschungel der Fotoplattformen.

Woher dieser Wandel kommt? Da kann ich nur  Vermutungen anstellen. Zu dieser Thematik habe ich mich ein wenig mit Chris unterhalten. Er ist der Meinung, dass User oftmals zu feige oder faul sind, einen kritischen Kommentar zu verfassen. Ausserdem mangelt es gerade Anfängern an technischem Verständnis, Grundlage für einen hilfreichen Kommentar. Ein kurzes “Toll!” dagegen ist höflich und tut niemandem weh. Helfen tut es allerdings auch nicht. Naja, ausser dem Ego. Aber was gibt’s daran eigentlich auszusetzen? Wie gesagt, Schreiber und, nennen wir ihn mal Künstler, sind gleichermaßen happy, ist doch eine klare win-win-Situation. Oder etwa doch nicht?

Um diese Frage zu klären, muss man zuerst einmal die Auswirkungen ebendieser Kommentarkultur durchleuchten. Verständlicherweise fühlt sich jeder geschmeichelt, wenn er Honig, in unserem Fall in Form von positiver Resonanz, um’s Maul geschmiert bekommt. Allerdings ist man hier schnell geneigt, sich an solche netten Worte zu gewöhnen, vielmehr noch sich daran zu orientieren. Am einfachsten erkläre ich das am besten an mir selbst, beziehungsweise anhand des Wandels meines Denkens und den für mich daraus resultierenden Konsequenzen.

Zu Beginn habe ich nur fotografiert. Es hat von Anfang an einen Heidenspaß gemacht. Viele Bilder habe ich geschossen, katalogisiert, am Computer bearbeitet, hier und da sogar ausgedruckt, gerahmt und aufgehangen. Irgendwann wollte ich jedoch mehr. Ich wollte mich mitteilen, meine Werke publik machen. Ich wollte nicht nur mit Familie und Freunden meine Ergebnisse teilen, sondern sie der breiten Masse präsentieren. Zu diesem Zeitpunkt stand das Lob, oder besser die Jagd darauf noch gar nicht im Fokus meines Denkens, ich war einfach neugierig auf die Kommunikation und die Resonanz an sich.
Web 2.0 sei Dank waren ein paar Accounts schnell eingerichtet, Flickr und die Fotocommunity habe ich ausprobiert. Ziemlich bald schon hatte ich einige Kommentare gesammelt, eigentlich durchweg gute. “Meine Fotos müssen ja richtig spitze sein, ich werde sogar dauernd in so Gruppen eingeladen”. Schnell habe ich mich an die “awesomes” gewöhnt und eigentlich auch nichts mehr anderes erwartet. Irgendwann allerdings hatte sich etwas verändert. Ich verglich meine Bilder und versuchte mal meinen eigenen Fortschritt in Sachen Technik und Bildgestaltung nachzuvollziehen.

 

 

Und siehe da – es gab keinen, zumindest keinen relevanten. Bauchgepinselt von vielen oberflächlichen Anmerkungen zu meinen Fotos stellte sich anscheinend irgendwann zwischen der Suche nach meinem fotografischen Stil und dem Versuch, der breiten Masse zu gefallen, eine Art Stillstand ein. So leicht ich in dieses Situation hineingerutscht bin, so anspruchsvoll war es, sich wieder davon zu befreien, von diesem Drang, anderen gefallen zu wollen, dieser Sucht nach Anerkennung. Irgendwie habe ich es allerdings hingekriegt, so dass ich heute nicht mehr viel auf die kleinen “awesomes” gebe. Natürlich nehme ich mir Kritik zu Herzen, jedoch versuche ich Nutzloses von Nützlichem zu separieren und picke mir die Kommentare raus, die mir wirklich etwas bringen.

Viel wichtiger ist aber, dass ich mir das Gefühl, welches ich ganz am Anfang mal hatte, wieder antrainieren konnte: Einfach nur fotografieren. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Nachdem ich nun ein wenig geplaudert habe, was sind denn jetzt eigentlich besagte Auswirkungen der Kommentarkultur in Fotocommunities? Ich würde sagen, eine Veränderung der Wahrnehmung. Und zwar über die eigenen Werke, über sich selbst als Fotografen. Es ist nicht unbedingt die Überbewertung der eigenen Fertigkeiten, mehr eine Art Resignation, die sich, wie eben bei mir, einstellt. Sicherlich trifft das nicht auf jeden User zu, aber ich denke mal, auf einen großen Teil.
Was lässt sich also zusammenfassend sagen? Man sollte sich nicht allzu leichtfertig an der Meinung anderer orientieren. Und noch wichtiger, man sollte sich nicht verbiegen und die eigene Einstellung zum Fotografieren verlieren. Auch wenn man hier und da mit den Zähnen knirscht, die gerne weggescrollten kritischen Kommentare sind im Grunde weitaus hilfreicher als die “awesomes”.Wer dagegen nichts einzuwenden hat, gut. Ich will ja niemanden bekehren. Mir für meinen Teil ist fotografischer Stillstand ein Dorn im Auge.

 

Letztendlich sollte man sich einfach treu bleiben, auch wenn man hier und da aneckt. Jedem zu gefallen ist einfach unmöglich und sollte auch nicht das Ziel eines Fotografen sein.

So, nach meinem gedanklichen Erguss bin ich nun auf eure Kommentare und Erfahrungen gespannt. Wie steht ihr zu dem Thema?

Kommentare

Raul sagt:

Tolle Analyse, die du da gemacht hast. Bei fotocommunity und co bin ich auch, allerdings stimmt es, dass die kritiken selten 2-3 worte überschreiten. Ausnahmen gibt es natürlich schon. Vor ca. einem Jahr bin ich 1x.com beigetreten und hier habe ich tatsächlich Kritiken von wirklich sehr erfahrenen Fotografen erhalten. Hoffe, dass das immer noch der Fall ist, denn ich habe da lange nicht mehr reingeschaut…

Steven sagt:

Für ehrliche und konstruktive Kritik ist 1x.com momentan tatsächlich die beste Wahl, for allem das Kritik-Forum. Dazu kommt, dass nicht jeder einfach mal einen Schnappschuss dort veröffentlichen kann, die Kuratoren legen die Latte ziemlich hoch. Dementsprechend “awesome” sind dann auch die Gallerien.

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