17.06.2011
Ich bin der einzige Mensch in Nürnberg

Ich wache auf. Durch meine Rolläden schimmert schon ein wenig morgendliches Licht. Ein Blick auf den Wecker: 6:30 Uhr. Februar übrigens. Wieso zum Teufel bin ich aufgewacht? Ich weiss es nicht. Keine Termine, keine Uni, eigentlich ein freier Tag. Ich stehe auf, gehe verschlafen in die Küche um etwa zu trinken. In der Küche sind meine Rolläden generell oben, ich bin zu faul sie herunterzulassen. Gelangweilt blicke ich aus dem Fenster, vielleicht tut sich ja schon etwas in der Nachbarschaft. Eigentlich beobachte ich recht gerne das Geschehen um mich herum. Diesmal sehe ich nichts. Gerade das Nachbarhaus gegenüber kann ich noch erkennen. Ich bin hellwach. Ohne zu überlegen ziehe ich mich an, greife mir die Kamera und setze mich ins Auto. Ich fahre zum Dutzendteich.

Ich parke direkt an der Steintribüne, dort gibt’s sehr viele kostenlose Parkplätze. Ich steige aus und sehe mich um. Ich bin der einzige Mensch in Nürnberg. An diesem Morgen ist die ganze Stadt in dicke, wirklich dicke Nebelschwaden gehüllt. Kein Auto ist unterwegs. Lichter von Straßenlaternen sind nur als sanfte Lichtflecken auszumachen. Sieht aus wie ein weicher Verlauf aus Photoshop. Ich gehe einige Meter, hin zur Promenade des Dutzendteichs. Ein Vogel kreuzt meinen Weg. Ich stehe nun direkt am Ufer und blicke auf den See. Normalerweise sind von hier aus das Dokumentationszentrum und der Volksfestplatz zu sehen. Heute aber sehe ich nichts. Ich blicke runter auf meine Schuhe und von dort ins Wasser. Nach 3 Metern verschwindet es in einer weißen Wand. Die Gegend kenne ich in- und auswendig, doch so sehr ich mich auch bemühe, ich erkenne nichts. Nicht einmal Silhouetten. Es fühlt sich an wie der Rand der Welt.

Ich gehe am Ufer entlang. Ein paar neugierige Enten und Schwäne sind schon unterwegs und paddeln orientierungslos durch’s Nichts. Sieht komisch aus. Ich hole mein Handy raus und schalte ein wenig Musik an.

Es ist absolut still um mich herum. Nicht mal die Enten geben Laute von sich. Es kommt mir vor als wäre die Stadt heute einfach noch nicht fertig geladen. Ich stelle mir einen überdimensionalen Ladebalken bei 75% vor und muss grinsen. Ich laufe weiter und mustere aufmerksam die Umgebung. Der Weg ist nur wenige Meter weit zu sehen, um mich herum scheinen kahle graue Äste nach mir zu greifen. An einer Lichtung treffe ich eine kleine Gruppe Senioren mit ihren Hunden. Wir nicken uns beim Vorübergehen höflich zu, als würden wir unsere gegenseitige Anwesenheit in diesem heimlichen, unentdeckten Paradies dulden.

Mittlerweile bin ich am gegenüber gelegenen Ufer angekommen. Es ist nass und kalt. Irgendwie angenehm. Ich fange an, alles um mich herum zu vergessen. Aus den Augen, aus dem Sinn. Die frische, nasse Morgenluft belebt mich. Ein einsamer Jogger zieht an mir vorbei. Harte Sau. Ich versuche den imposanten Bau des Dokumentationszentrums auszumachen, erkenne aber nur schemenhaft die obere Kante. Ich laufe weiter, ein kurzes Stück entlang einer normalerweise vielbefahrenen Straße. Niemand in Sicht- oder Hörweite, weder Auto noch Fahrrad.

Viele Male hole ich mein iPhone raus und starte das Lied neu. Jedes mal schaue ich kurz auf den Repeatknopf, stecke das Handy dann aber doch weg.

“Baby I can’t stand it when you go to work
You never seem to know when to stop
I never know when you’ll return
I’m in love with a robot”

Ich höre den Song wieder und wieder. Auf dem Rückweg komme ich noch an den Anlegestegen des Dutzendteichs vorbei. Ich stelle mir vor wie wohl eine Bootsfahrt im Nichts wäre. Als ich wieder am Auto ankomme, fängt die Welt wieder an, sich zu drehen. Ich sehe die ersten Radler auf dem Weg zur Arbeit, ein Kioskbetreiber klappt gerade die Verdecke seines Standes herunter. Auch der Nebel lichtet sich langsam und es wird etwas heller. Die Luft wird langsam trockener und fühlt sich angenehm warm an auf meiner Haut. Ich drehe mich um und erkenne gräulich das andere Ufer und das Dokumentationszentrum. Ich gehe zu meinem Auto, es ist nass von kondensierendem Nebel. Ich steige ein und starte den Motor. Das Radio lasse ich aus. Alles kommt mir wieder vertraut vor. Ich frage mich kurz, ob die letzte Stunde tatsächlich passiert ist. Laut meiner Kamera ja.

4 Comments

  • Raul says:

    Richtige tolle Aufnahmen, hut ab! Ich war bisher leider immer zu verschlafen, um so früh aufzustehen. 😀 Dementsprechend fehlen Nebelbilder in meinem Sortiment, aber du bringst mich auf die Idee das Gleiche mal in München zu probieren. 😉

  • Markus says:

    Wow… dieser Artikel haut mich echt um! Das Beste was ich bisher auf diesem Blog gesehen habe!

    Die Stimmung kommt durch deinen wahnsinnig intensiven Schreibstil begleitet von der Musik und den echt starken Bildern (will auch so schöne Nebelfotos 🙁 ) extrem gut rüber, da kann ich genau wie Raul nur meinen Hut ziehen!

    So, jetzt werde ich das Zeug mal sharen und dann weiter auf Nebel warten 🙂

    Schöne Grüße aus dem 15° kalten, verregneten Tirol 😉

  • Philipp says:

    Guter Text, gute Fotos, guter Song!

2 Trackbacks

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