Kleine Puzzleteile

Kennt ihr das? Letztens habe ich mal wieder aufgeräumt. Also richtig jetzt, nicht wie sonst, schnell mal den Besen schwingen und auf dem Schreibtisch zwei Haufen, “brauch’ ich die Woche noch” und “kann erstmal weg”, errichtet, sondern wirklich mal aussortiert. Dabei kommt man oft nicht umhin, sich durch eine Unzahl an Schnickschnack zu kämpfen.

Ah, das hab ich ja schon seit Ewigkeiten gesucht. Wer hat mir das noch gleich damals geschenkt? WAS ZUM TEUFEL IST DAS?

Wie auch immer. Zumindest ich für meinen Teil kann sagen: Sobald ich mal richtig ausmiste, kommen immer wieder auf’s Neue scheinbar unbekannte, nie zuvor gesehene Gegenstände und allerlei kleine Dinge zum Vorschein. Manchmal habe ich dabei das Gefühl, das Hab und Gut eines Anderen zu durchforsten. Und im Grunde stimmt das auch. Zwar weiß ich freilich immer, dass der ganze Plunder mir gehört, aber irgendwie war’s das auch schon. Überbleibsel aus früheren Lebensabschnitten, Erinnerungen an Ereignisse, Personen, Gefühle.

Tja, nun entwickelt man sich aber (zumindest im Idealfall) konstant weiter. Neue Gesichter, neue Ereignisse, und damit auch neue Andenken. Nach einiger Zeit sind die damals so lieb gewonnenen Habseligkeiten nicht viel mehr als besagte Erinnerungen. Kleine Puzzleteile aus unserem Leben. Winzige Kristallsplitter unserer Entwicklung. Und so weiter. Ihr versteht was ich meine. Kleine Figürchen, Zettel, Steine, was weiss ich. Eigentlich ja mittlerweile nutzloses Zeug. War früher vielleicht mal von Bedeutung, fristet heute aber ein einsames Dasein im Regal oder in der Schublade. Und trotzdem hebt man sowas auf, oder? Warum eigentlich? Vielleicht weil man sich einfach gerne erinnert. An vergangene Zeiten. An frühere Leben. So Krimskrams hat ja, vor allem gegenüber unseren heißgeliebten Fotos, auch einen Vorteil, nämlich die Möglichkeit, ihn mit allen Sinnen zu erfahren. Ein Stein fühlt sich mal kalt, mal warm an, je nach Umgebung. Er kann rauh oder glatt poliert sein, abhängig von natürlicher Erosion oder künstlicher Bearbeitung. Oder kleine Kettchen, die haben diesen typischen Metallgeruch. Riecht wie…Frankreich, oder? Schon mal an einem Foto gerochen? Eben.

So. Vielleicht wollen wir uns aber nicht einfach nur erinnern, sondern uns auch ab und an mal wieder vor Augen führen, wer wir sind. Ja, ne, schon klar. Ich meine eher, wer und wo wir schon überall waren, was wir erlebt haben, mit wem, und inwiefern uns das alles geprägt und verändert hat. Eine Art kleine Trophäensammlung, könnte man sagen. Weniger für den Kopf, mehr für’s Herz. Na, jedenfalls habe ich unzählige solcher kleinen Dinge hier rumfliegen. Wenn mich jemand fragte, wüsste ich wahrscheinlich nicht einmal, wo genau die sich verstecken. Alle paar Monate oder Jahre aber fällt mir das ein oder andere Andenken in die Hand. Ich fühle die Beschaffenheit, schaue es mir von allen Seiten an, rieche daran, freue mich über die aufkommenden Erinnerungen und Emotionen. Dann lege ich es wieder an seinen Platz zurück, wissend, dass ich es im nächsten Moment schon wieder vergessen habe werde. Bis zum nächsten Frühjahrsputz eben.

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